Das Leben von Hadhrat Abu Bakr ra

Das Leben von Hadhrat Abu BakrRA

Eine besondere Freundschaft

Eine Zeitreise in das Jahr 630 n. Chr.: Im arabischen Raum ist eine Hungersnot ausgebrochen. Die Ernte aus dem letzten Jahr ist durch den wenigen Regen schlecht ausgefallen. Getreide, Korn und Früchte gehören aufgrund ihrer Knappheit mittlerweile zu Luxusgütern, die sich nur noch die Wohlhabenden leisten können. Eine Besserung der Lage ist noch lange nicht in Sicht und die Zeit bis zur nächsten Ernte ist weit entfernt. Das arabische Volk leidet. Sorgen und Existenzängste machen sich breit. Wie die Zukunft aussehen wird, darüber vermag keiner eine Prognose abgeben.

Ausgerechnet in diesen Tagen erreicht den Heiligen Propheten MuhammadSAW eine weitere Hiobsbotschaft: Gerüchte über einen möglichen Feldzug syrischer Truppen, die den Islam und die Muslime angreifen wollen, machen die Runde. Der Heilige ProphetSAW berät sich mit seinen Gefährten über die kritische Lage und entscheidet, zu reagieren. Doch es gibt ein Problem: Die Muslime sind für einen solchen Krieg nicht nur schlecht ausgerüstet, sondern auch die Staatskasse ist leer. Eine regelmäßige Geldversorgung besitzt die muslimische Regierung zu der Zeit nicht. Wann immer es notwendig wird, ruft der Gesandte AllahsSAW zu Spenden und Opfergaben auf. Auch in dieser Situation sieht sich der Heilige ProphetSAW gezwungen, seine Umma um Opfergaben zu bitten.

Als Hadhrat Umar ibn al-KhattabRA den Aufruf seines geliebten Propheten vernimmt, verspricht er sich, dass ihn heute niemand übertreffen werde. Mit der Hälfte seines Vermögens eilt er zum ProphetenSAW und übergibt ihm seine Spende.

Der Gesandte AllahsSAW fragt ihnRA: „O Umar, was hast du zurückgelassen?“ Mit erfüllter und glücklicher Stimme antwortet Hadhrat UmarRA: „Die Hälfte meines Vermögens.“ Die anwesenden Gefährten sind verblüfft. In solch einer Hungersnot die Hälfte seines Vermögens abzugeben, zeugt nicht nur von hoher Opferbereitschaft, sondern unterstreicht ebenfalls die Liebe zu Allah. Nicht im Ansatz hätten sie daran gedacht, die Hälfte ihres Besitzes abzugeben.[1]

Etwas später taucht ein Mann auf. Er hat eine schmächtige Körperstatur und einen dichten Bart. Seine Wangenknochen sind zu erkennen und markante Züge zieren sein Gesicht. Er ist von heller Haut und hat tiefliegende Augen. Trotz seines schlanken Körperbaus besitzt er eine außergewöhnliche Ausstrahlung, die ihm Respekt und Verehrung der Anwesenden entgegenbringt. Auch er ist dem Aufruf des Heiligen ProphetenSAW gefolgt. Mit den Worten „Das ist Geld fisabilillah.“ legt er seine Spende in die Hände des Gesandten AllahsSAW. Der ProphetSAW fragt auch ihn: „Was hast du für deine Frau und deine Kinder zurückgelassen?“. Seine folgenden Worte sind Worte, die die Anwesenden und auch nachkommende Generationen in Bewunderung für ihn versetzen lassen sollen. Eine Antwort, über die Hadhrat UmarRA später selbst einmal sagte:

„Ich saß sehr zufrieden beim ProphetenSAW, als erRA kam und dem Heiligen ProphetenSAW all sein Vermögen überreichte. Das war der Tag, an dem ich realisierte, dass ich ihnRA niemals übertreffen werde.“[2]

Der schmächtige Mann mit den hervorstehenden Wangenknochen entgegnet dem Heiligen Propheten MuhammadSAW: „Ich hinterließ Ihnen Allah und seinen Gesandten.“[3]

Jahre zuvor hatte erRA bereits seine außerordentliche Liebe zum Glauben unter Beweis gestellt. Tapfer und unermüdlich kämpfte er in der Schlacht von Badr. Schlecht ausgerüstete Muslime, 313 an der Zahl, gegen 1000 Mekkaner. Nicht eine Sekunde zögerte er, dem Aufruf seines ProphetenSAW zu folgen und sich für das Heer anzumelden. Als ein Leibwächter für die Unterkunft des Heiligen ProphetenSAW gesucht wurde, meldete erRA sich freiwillig. Tag und Nacht verbrachte er vor der Behausung seines besten Freundes. Er bewachte ihnSAW, während erSAW aß, schlief und betete.

Lange Zeit später – nach dem die Muslime die Mekkaner erfolgreich in die Flucht geschlagen hatten – kam sein Sohn Abd-ar-Rahman auf ihn zu. Während der Schlacht von Badr war er dem Islam noch nicht beigetreten und kämpfte auf der Seite der Mekkaner. Er offenbarte seinem Vater: „O Vater, während der Schlacht von Badr hatte ich die Gelegenheit, dich an einem Punkt zu töten. Aber weil du mein Vater warst, habe ich dich nicht angegriffen.” Sein Vater jedoch entgegnete ihm: „Mein Sohn, wenn ich während der Schlacht eine solche Chance gehabt hätte, hätte ich dich nie verschont.“[4]

Als der ProphetSAW in seinem letzten Lebensjahr krank wird, wird erRA vom ProphetenSAW persönlich ausgewählt, von nun an die Muslime im Gebet zu leiten. Seine Tochter, die auch gleichzeitig die Ehefrau des ProphetenSAW ist, versucht den Gesandten AllahsSAW zu überreden, diese Verantwortung Hadhrat UmarRA zu übertragen. Der ProphetSAW jedoch beharrt darauf, dass nur erRA für diese Aufgabe und Verantwortung bestimmt sei.

Die Krankheit schwächt den ProphetenSAW von Tag zu Tag. Obwohl erSAW sich mittlerweile kaum noch auf seinen eigenen Beinen halten kann, begibt er sich mit aller Kraft zur Moschee, um einige Worte an die Muslime zu richten. Die Gefährten nehmen Platz und hören ihmSAW aufmerksam zu. Bei ihrem Bekenntnis zum Islam waren sie noch jung und kräftig gewesen. Vielen von ihnen sind mittlerweile die Haare ausgefallen und ihre Bärte sind von mehr und mehr Silberfäden durchzogen. Der Prophet AllahsSAW möchte ihnen etwas Wichtiges mitteilen. ErSAW erklärt:

„Gott hat einen Seiner Männer gebeten, sich zwischen dieser Welt und Gott zu entscheiden, und diese Person hat sich für die Gesellschaft Gottes entschieden.“        Die Gefährten verhalten sich ruhig. Sie verstehen in diesem Moment nicht, dass der Heilige ProphetSAW ihnen gerade mitgeteilt hat, dass sein Ableben nahe ist. Unter den Gefährten sitzt auch jener Mann, der sein komplettes Vermögen gespendet hatte und der bereit war, seinen eigenen Sohn zu töten. ErRA hat den Kopf leicht gesenkt und seine tiefliegenden Augen füllen sich mit Tränen. Er ist der einzige in der Versammlung, der verstanden hat, dass seinem geliebten ProphetenSAW nicht mehr viel Zeit geblieben ist. Tränen fließen seinen Wangen herunter. Der Heilige ProphetSAW bemerkt die Tränen und versucht, ihn wieder und wieder zu trösten, doch seine Tränen fließen weiter. Anschließend verliert der Prophet MuhammadSAW einzigartige Worte über diesen Mann, die bis in alle Ewigkeit mit ihm in Verbindung bleiben werden:

„Wer auch immer mir in dieser Welt einen Gefallen getan hat, ich habe seinen Gefallen zurückgezahlt. Was jedoch Abu BakrRA betrifft, so wird Allah ihm am Tag des Jüngsten Gerichts den Gefallen zurückzahlen.“[5]

Und weiter sagt erSAW:

„Schließt alle Türen der Moschee für die anderen Menschen, aber lasst die Tür für Abu BakrRA offen. Es gibt niemanden, dem ich mehr zu verdanken habe als Abu BakrRA.“[6][7]

Seine frühen Jahre

Über das Leben von Hadhrat Abu BakrRA vor seinem Bekenntnis zum Islam ist wenig bekannt. ErRA wurde in Mekka etwa zweieinhalb Jahre nach dem Propheten MuhammadSAW geboren und stammte aus einer sehr angesehenen Familie, die dem Stamm der Quraish angehörte. Sein Vater hieß Uthman ibn Aamar und war unter dem Namen Abu Quhafa bekannt. Seine Mutter hieß Salma bint Sakhr und wurde von vielen nach ihrer Kunya Umm-ul-Khair genannt. Während Umm-ul-Khair bereits in frühen Tagen vor der Hidjra den Islam annahm, trat Abu Quhafa dem Islam nach dem Einzug der Muslime in Mekka bei. Den größten Teil seiner Jugend verbrachte der erste Kalif in seiner Geburtsstadt, wo erRA die Arbeit und die Kunst eines Händlers erlernte. Seine erste Geschäftsreise unternahm er bereits im Alter von 18 Jahren. Im Laufe der Jahre verließ erRA Mekka oft mit verschiedenen Karawanen und bereiste die Länder Syrien und Jemen.

Ein wichtiges Zeichen für die Wahrhaftigkeit des Islam ist, dass er die Menschen nach seinem Erscheinen aus der Dunkelheit befreite und in die spirituelle Erleuchtung führte. Hadhrat Abu BakrRA unterschied sich schon damals von seinen Mitmenschen. Im Gegensatz zu den meisten Arabern lebte erRA selbst in der Zeit der Dschahiliyya ein aufrichtiges und reines Leben. Seine Ehrlichkeit, seine Integrität, seine Güte und seine guten Ratschläge sorgten dafür, dass erRA ein hohes Ansehen innerhalb und außerhalb Mekkas genoss. Es waren diese edlen Charakterzüge, die ihm unter den Quraish den Titel Atiq einbrachten.

Wann immer es zu Streitereien oder Kämpfen zwischen den verschiedenen Stämmen von Quraish kam, wurde Hadhrat Abu BakrRA zum Vermittler erklärt. Das Vertrauen der Stämme in ihm war so hoch, dass sie sogar Blutgeld und Wertgegenstände, die sie aus Kriegen erwirtschaftet hatten, in seine Obhut gaben.

Die Gründe für das reine und ehrenvolle Leben Hadhrat Abu BakrsRA mögen vielfältig sein. Mitunter war sicherlich ein Grund seine Freundschaft zum Heiligen Propheten MuhammadSAW. Beide kannten sich bereits aus Kindheitstagen und eine enge Beziehung verband sie miteinander. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Heilige ProphetSAW durch seine vorbildhafte Lebensweise Hadhrat Abu BakrRA inspirierte.

Es wird von einer Begebenheit berichtet, dass Hadhrat Abu BakrRA sich einmal gemeinsam mit weiteren Gefährten in einer Versammlung befand. Einer der Anwesenden fragte ihnRA, ob er denn je Wein getrunken habe, bevor er den Islam annahm. Hadhrat Abu BakrRA entgegnete:

„Ich suche Zuflucht bei Allah. Ich habe stets versucht, meine Ehre und meine Männlichkeit zu schützen, denn wer Wein trinkt, wird seine Ehre und seine Männlichkeit verlieren.“7 

Als der Heilige Prophet MuhammadSAW über dieses Ereignis unterrichtet wurde, sagte erSAW:

„Abu BakrRA hat die Wahrheit gesagt, Abu BakrRA hat die Wahrheit gesagt.“[8]

Seine Beziehung zum Heiligen Propheten MuhammadSAW

Die Beziehung zwischen Hadhrat MuhammadSAW und Hadhrat Abu BakrRA war von außergewöhnlicher Freundschaft und Zuneigung füreinander geprägt. Der Heilige ProphetSAW drückte sein Vertrauen und seine Liebe zu Hadhrat Abu BakrRA aus, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte. In seinen Versammlungen hielt erSAW stets einen Platz für Hadhrat Abu BakrRA an seiner Seite frei.

Nach dem erRA dem Islam beigetreten war, bat Hadhrat Abu BakrRA den Heiligen ProphetenSAW in regelmäßigen Abständen um Erlaubnis, die Botschaft Allahs öffentlich verkünden zu dürfen. Mehrmals lehnte der ProphetSAW ab, weil er um seine Sicherheit fürchtete. Als Hadhrat Abu BakrRA eines Tages die Erlaubnis erhielt, begab er sich zur Kaaba und hielt eine Ansprache vor einer großen Schar von Menschen ab, in der er die Anwesenden zum Islam einlud. Die Mekkaner, die die Worte Hadhrat Abu BakrsRA hörten, wurden wütend. Sie empfanden die Ansprache als Erniedrigung und begannen, ihnRA und alle anderen Muslime – darunter auch den Gesandten AllahsSAW – zu attackieren und brutal zusammenzuschlagen. Hadhrat Abu BakrRA wurde an dem Tag fast zu Tode geprügelt. Die Anhänger seines eigenen Stammes konnten diese Tortur nicht lange mit ansehen. Auch wenn sie sich nicht zum Islam bekannten, sahen sie ihre Pflicht darin, ihnRA zu retten. Seine Verletzungen waren so schwerwiegend, dass man seine Nase nicht mehr von seinem Gesicht unterscheiden konnte und erRA ohnmächtig wurde.

Nach dem erRA das Bewusstsein zurückerlangt hatte, verzweifelte seine Mutter Umm-ul-Khair an ihrem Sohn. Hadhrat Abu BakrRA weigerte sich, Nahrung zu sich zu nehmen. Obwohl er dem Tode nahe war und durch die vielen Verletzungen selbst einfachste Aufgaben nicht erledigen konnte, kam er nicht zur Ruhe. Er musste sich mit eigenen Augen vergewissern, dass dem Heiligen ProphetenSAW nichts zugestoßen war und er unversehrt blieb. Hadhrat Abu BakrRA bestand so lange darauf, bis seine Mutter, die selbst alt und gebrechlich war, ihren Sohn stützend zum Haus des ProphetenSAW begleitete. Als erRA seinen besten FreundSAW erblickte, fiel er auf die Knie und fing zu weinen an. Auch der ProphetenSAW konnte bei diesem Anblick von Hadhrat Abu BakrRA seine Tränen nicht zurückhalten. Diese Situation berührte das Herz von Umm-ul-Khair so sehr, dass sie den Islam annahm.[9]

Dieses schmerzhafte Ereignis verdeutlicht noch einmal die Liebe, die Hadhrat Abu BakrRA für den Propheten MuhammadSAW empfand. Sein Herz fand keine Ruhe, bis er nicht vom Gesundheitszustand des ProphetenSAW erfahren hatte. Sein Glaube in Allah war so stark, dass selbst diese qualvolle Prüfung ihnRA in keinster Weise davon abhielt, die Menschen weiterhin zum Islam einzuladen.

Im Gegenteil: Es bewirkte nur, dass dieser schmächtige Mann weitaus entschlossener wurde, die Botschaft des Islam zu verbreiten. Menschen, die später zu den größten Persönlichkeiten im Islam zählen sollten, nahmen durch Hadhrat Abu BakrRA den Islam an. Zu ihnen zählen Hadhrat Uthman ibn AffanRA, Hadhrat Al-Zubayr ibn-ul-AwwamRA, Hadhrat Abdur-Rahman ibn AwfRA, Hadhrat Sa’d ibn Abi WaqqasRA und Hadhrat Talha ibn UbaidillahRA.[10]

Der Titel As-Siddiq

Es gibt eine Begebenheit aus dem Leben von Hadhrat Abu BakrRA, die alle bisher erwähnten Begebenheiten übertrifft. Diese Begebenheit handelt von seinem Beitritt zum Islam.

Hadhrat Khalifatul MassihRH II hat dieses Ereignis in seinem Werk Muhammad – Das Leben des Heiligen ProphetenSAW in sehr anschaulicher Weise festgehalten:

„Hadhrat Abu BakrRA, ein Freund aus seiner Kindheit, war nicht in der Stadt. Als er heimkehrte, hörte er von diesem neuen Erlebnis des ProphetenSAW. Man erzählte ihm, dass sein Freund verrückt geworden sei und dass er erzählte, Engel brächten ihm Botschaften von Gott. Abu BakrRA jedoch vertraute dem ProphetenSAW vollkommen. Er zweifelte keinen Augenblick, dass der ProphetSAW die Wahrheit sprach, außerdem kannte er ihn als geistig gesund und aufrichtig. Er begab sich zum ProphetenSAW und fragte ihn nach den besagten Ereignissen. Der ProphetSAW, der nicht wollte, dass Abu BakrRA ihn missverstünde, begann mit umständlichen Erklärungen. Abu BakrRA jedoch unterbrach seine Rede und erklärte, alles was er wissen wolle, sei, ob ihm wirklich ein Engel erschienen und ihm eine Botschaft von Gott übergeben worden sei. Der ProphetSAW begann wieder mit einer Erklärung, doch Abu BakrRA wollte auch diese nicht hören. Er wollte eine klare Antwort auf die Frage, ob er eine Botschaft von Gott erhalten habe. Der ProphetSAW bejahte dies und Abu BakrRA erklärte daraufhin sofort seinen Glauben in ihm.“[11]

Keine Sekunde zögerte Hadhrat Abu BakrRA, den Islam anzunehmen. Er wusste, dass der ProphetSAW immer die Wahrheit sprach. Und genau diese absolute Loyalität war es, die ihn von den anderen Gefährten unterschied. Es kamen ihm keinerlei Zweifel an der Offenbarung und der Glaubwürdigkeit des ProphetenSAW. Der Gesandte AllahsSAW sagte hierzu bei einer Gelegenheit:

„Ich rief die Menschen zum Islam. Jeder dachte darüber nach, mindestens einen Moment. Abu Bakr war eine Ausnahme. Er nahm den Islam ohne jegliches Zögern an.“10

Es gab keine Situation im Leben von Hadhrat Abu BakrRA, die seinen Glauben auch nur in geringster Weise erschütterte. Als der Heilige Prophet MuhammadSAW von seiner Nachtreise nach Jerusalem berichtete, kehrten einige Menschen, die bereits Muslime geworden waren, dem Glauben den Rücken zu. Die Mekkaner sahen darin eine Möglichkeit, auch Hadhrat Abu BakrRA vom Glauben abzulenken. Sie gingen zu ihmRA und erzählten, welch irre Geschichte sein bester Freund sich denn nun wieder ausgedacht habe. Hadhrat Abu BakrRA, der sich noch nicht vergewissern konnte, ob die Worte tatsächlich vom ProphetenSAW stammen, antwortete den Mekkanern: 

„Wenn er das gesagt hat, dann bezeuge ich, dass er die Wahrheit spricht. Ich glaube ihm in Dingen, die viel größer und erstaunlicher sind als das. Ich glaube an seine Offenbarungen, die er vom Himmel bringt, sei es im Laufe eines Morgens oder einer Abendreise.“

Es ist diese Loyalität und Ergebenheit, die Hadhrat Abu BakrRA den Titel as-Siddiq einbrachte. Allah der Allmächtige hat ihnRA gepriesen und im Heiligen Qur‘an folgendes festgehalten:

„Und der, der die Wahrheit bringt, und (der, welcher) sie bestätigt – das sind die Gerechten.“[12]                                                                                                        

Der ProphetSAW brachte die Wahrheit und Hadhrat Abu BakrRA war der erste, der sie bestätigte. Er ist somit der erste Rechtschaffene im Islam nach dem Propheten MuhammadSAW.

Seine Rechtschaffenheit machte sich darin bemerkbar, dass er nie eine Gelegenheit liegen ließ, etwas Gutes zu tun. Hadhrat Abu BakrRA war stets einer der Ersten, der die Initiative ergriff. Hadhrat Abu Hurai’rahRA berichtet von einer Begebenheit, die seine Rechtschaffenheit und sein gutmütiges Herz hervorhebt. Diese Begebenheit zeigt, dass der erste Kalif einzigartig in seinen Handlungen war und selbst im Vergleich zu den engsten Gefährten des Propheten MuhammadSAW, von denen einigen gar das Paradies durch Allah versprochen wurde, hervorstach.

Es heißt, dass der Prophet MuhammadSAW gemeinsam mit seinen Gefährten in der Moschee saß und sie in spirituellen Angelegenheiten unterrichtete. Nach einiger Zeit fragte erSAW in die Runde: „Wer von euch fastet heute?“.Hadhrat Abu BakrRA hob seinen Arm und sagte: „Ich faste heute.“, während alle anderen Gefährten schwiegen. Dann fragte der ProphetSAW: „Wer von euch ist heute einem Begräbnis gefolgt?“ Hadhrat Abu BakrRA meldete sich. Erneut war er der Einzige und sagte: „Ich tat es.“ Nach einiger Zeit schaute der ProphetSAW wieder in die Runde und fragte: „Wer von euch hat heute einen Bedürftigen gespeist?“. Wiederum war es der Arm Hadhrat Abu BakrsRA, der in die Höhe ging. „Wer von euch hat heute einen Kranken besucht?“. Hadhrat Abu BakrRA antwortete: „Ich habe heute einen Kranken besucht.“

Als der ProphetSAW das beobachtete, sagte erSAW:

„Jeder, in dem (diese guten Taten) vereint sind, wird mit Sicherheit ins Paradies eingehen.“[13]

Der Tod des Propheten

Die Muslime hatten den Heiligen ProphetenSAW sehr ins Herz geschlossen. Er war ihr Wegweiser, der sie aus der Dunkelheit zum Licht führte. Die Nachricht über seinen Tod traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie erschütterte die Muslime und stieß sie in tiefe Trauer.  Hadhrat UmarRA war ein mutiger und tapferer Mann. Selbst jemand wie er konnte mit dieser niederschmetternden Nachricht nur schwer umgehen. Übermannt von seinen Gefühlen und mit gezücktem Schwert stand er vor der Moschee. Er drohte jeden eigenhändig zu enthaupten, der behauptete, der ProphetSAW sei gestorben.                                               

Als Hadhrat Abu BakrRA die Nachricht vom Tod seines besten Freundes erreichte, begab er sich sofort zum Haus des ProphetenSAW. Ohne zu zögern ging er direkt in das Zimmer von Hadhrat AishaRA. Der Leichnam des ProphetenSAW war bereits von einem Tuch überdeckt. Er hob das Tuch an und küsste die Stirn des ProphetenSAW. Tränen flossen ihm aus seinen Augen und er sagte:

„Wie schön du bist. Ob tot oder lebendig. Was hätte ich nicht alles für dich geopfert! Bei Allah, dein Tod ist das einzige, was ich fürchtete. Du wirst nie wieder sterben.“

Anschließend verließ er das Haus und begab sich zur Moschee, wo Hadhrat UmarRA, immer noch von Emotionen überwältigt, den Anwesenden drohte:

„Diejenigen, die behaupten, dass der Heilige Prophet gestorben ist, sind Heuchler. Er ist nicht gestorben, sondern ist nur für einige Tage zu Allah gegangen, und dann wird er zurückkehren.“[14]

Hadhrat Abu BakrRA erkannte den Kummer und Schmerz in Hadhrat UmarRA. Er forderte ihn auf, ruhig zu bleiben und sich zusammen zu nehmen. Doch Hadhrat UmarRA wollte nicht auf ihn hören und redete immer weiter. Hadhrat Abu BakrRA meldete sich dann zu Wort und sagte zu den Muslimen:

„Wer von euch Muhammad angebetet hat, der soll wissen, dass Muhammad gestorben ist. Wer aber Allah angebetet hat, soll wissen, dass Allah lebendig ist und niemals sterben wird.“[15]

Anschließend zitierte er die Verse aus der Surah Al-Imran:

„Muhammad ist nur ein Gesandter. Wahrlich alle Gesandten vor ihm sind verstorben. Wenn er nun stirbt oder getötet wird, werdet ihr umkehren auf euren Fersen?“[16]

Als die Menschen die Worte von Hadhrat Abu BakrRA vernahmen, kamen sie zur Besinnung. Sie verstanden, dass der ProphetSAW genau wie sie ein einfacher Mensch war, der irgendwann sterben musste.

Hadhrat UmarRA, der zu diesem Zeitpunkt bereits Hafiz-ul-Qur‘an war, sagte später dazu:

„Für mich fühlte es sich so an, als wäre dieser Vers erst in dem Moment offenbart worden. Ich verstand, dass der Prophet wirklich verstorben war. Ich fühlte mich, als hätte man mir die Beine gebrochen. Ich hatte keine Kraft mehr zu stehen und ich fiel zu Boden.“[17]

Der erste Kalif

Während seines Kalifat musste Hadhrat Abu BakrRA sich einem Berg von Problemen und Schwierigkeiten stellen. Es gab ganze Stämme, die dem Islam nach dem Tod des ProphetenSAW den Rücken gekehrt hatten, Muslime die sich weigerten die Zak‘at zu zahlen oder auch einzelne Personen, die beanspruchten, ein neuer Prophet zu sein. Mit großer Demut und mit großem Vertrauen in Allah ging erRA diese Probleme an.

Bei der Wahl zum Kalifen hatte er sich selbst für Hadhrat UmarRA und Hadhrat Abu UbaidahRA stark gemacht. Beide waren von dem Vorschlag überrascht gewesen. Denn für beide war es von vornherein eindeutig gewesen, dass niemand außer Hadhrat Abu BakrRA hätte die Führung übernehmen sollen. Sie machten ihre Gedanken den Wählern deutlich. Wie konnten sie jemand anderen zum Führer der Gläubigen ernennen, wenn doch Abu Bakr unter ihnen weilte? Hatte der ProphetSAW Hadhrat Abu BakrRA nicht zu ihrem Imam erklärt? Wie konnte es da zwei Meinungen geben? Als die Anwesenden diese Argumente gehört hatten, hatten sie zugestimmt. Gemeinsam hatten sie Hadhrat Abu BakrRA zum ersten Kalifen gewählt und an seiner Hand das Treuegelübde abgelegt.

In seiner ersten Ansprache hatte er sehr bescheidene Worte an die Muslime gerichtet:

„O ihr Menschen! Obwohl ich zu eurem Kalif gewählt wurde, bin ich nicht besser als irgendeiner von euch. Helft mir in allem Guten, das ich tue. Wenn ich anfange, etwas Falsches zu tun, so sagt es mir.“[18]

Seine Regentschaft als Kalif dauerte zwei Jahre. In den letzten zwei Wochen seines Lebens machte ihn eine starke Erkältung zu schaffen. ErRA verstarb, genau wie der Heilige Prophet MuhammadSAW, im Alter von 63 Jahren. Beide Seelen verließen diese Welt an einem Montag. ErRA folgte seinem besten Freund sowohl im Leben als auch im Tod.

Der persische Philologe und Koranexeget az-Zamachschari hat es passend ausgedrückt:

„Es ist der Name Abu Bakrs, der bis zum Ende der Zeit neben dem Namen des Gesandten Allahs stehen wird. Als er jung war, war Abu Bakr ein enger Freund des Propheten; und als er älter wurde, spendete er sein ganzes Vermögen für ihn…“[19]


[1] Syed Mubashar Ahmad Ayaz: Hadhrat Abu Bakr Siddiq, S. 5 ff.

[2] Siyarus-Sahabah, Vol. 1, Part 1 (Khulafa’-e-Rashidin)

[3] Hadhrat Mirza Bashiruddin M. Ahmad: Muhammad – Das Leben des Heiligen Propheten, S.270 ff.

[4] Abul-Faraj Nurud-Din, Part 2, S.231, Babu Dhikri Maghazihi, Darul-Kutubil-‘Ilmiyyah

[5] Al-Sayuti, S. 26

[6] IBID. Vol. 1, Bk.8, S.455

[7] Adam Hani Walker: Hadhrat Abu Bakr Siddiq – The Great Lover of Allah, S.17

[8] Adam Hani Walker: Hadhrat Abu Bakr Siddiq – The Great Lover of Allah, S.5

[9] Adam Hani Walker: Hadhrat Abu Bakr Siddiq – The Great Lover of Allah, S.14

[10] Al-Sayuti, S.41

[11] Hadhrat Mirza Bashiruddin M. Ahmad: Muhammad – Das Leben des Heiligen Propheten, S.38

[12] Der Heilige Koran, Sure 39, Vers 34

[13] Sahihul-Bukhari, Kitabus-Saum, Babur-Rayyani lis-Sa’imin, Hadith Nr. 1897

[14] Hadhrat Mirza Bashiruddin M. Ahmad: Muhammad – Das Leben des Heiligen Propheten, S.288

[15] Sahih Al Bukhari Vol.5, Bk.57, Nr.19.

[16] Der Heilige Koran, Sure 3, Vers 145

[17] Sahihul-Bukhari, Kitabul-Jana’iz, Babud-Dukhuli ‘alal-Mayyit, Hadith Nr. 1241

[18] Al-Bidaya Wa Nihayya, S.306

[19] Mohammad As-Sallaabee, S. 108

1 Comment

  • Isa Musa
    10 Monaten ago Reply

    Jazakumullah. Möge Allah eure Arbeit weiterhin segnen und zum Nutzen Aller machen. Amien..

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